„Wir ermitteln“ – diese zwei Wörter sind es, die in den letzten Wochen rund um den Fall Austin Smith als Statement der Erste Bank Eishockey Liga hängen geblieben sind. Nicht viel, aber viel sagend. Immerhin hat der ehemalige Bozen-Spieler zuerst via Instagram und später in der Servus Hockey Night schwere Anschuldigungen erhoben. Eine nicht beziehungsweise zu spät diagnostizierte Gehirnerschütterung in der Vorsaison hätten den 29-Jährigen seine Karriere gekostet. Im O-Ton: „Diese Gehirnerschütterung hat meine Karriere beendet.“ Ein Satz, der so schwer wiegt, dass er erstmal sickern muss.

Auch bei Lyle Seitz, Director of Hockey Operations der Erste Bank Eishockey Liga. Jener Mann, der ermittelt, der sich alle Versionen der Geschichte mit all ihren Facetten anhört, an den Meinungen herangetragen werden und der seit der Bekanntwerden der Causa gar nicht erst versuchen sollte, das Haus ohne Telefon zu verlassen. Denn: Es gibt offene Fragen – von Spielern, Trainern, Verantwortlichen, Sponsoren, Medien. Einige der brennendsten versuchen wir nun zu klären – mit Lyle Seitz am Telefon.

Was genau wird ermittelt?

Am Ende des Tages geht es um drei Beteiligte: Austin Smith, Bozen und die EBEL. Alle anderen haben eine Meinung dazu. Da eine Meinung allerdings kein Faktum ist, braucht es eine Untersuchung. „Wir müssen ermitteln“, sagt Seitz, ein bekannter Satz. „Die Menschen dürfen sich in dem Fall ihre Meinung nicht aufgrund von Meinungen anderer oder wegen eines Instagram-Posts bilden. Es gibt immer zwei Seiten der Geschichte, davon bin ich überzeugt. Man darf mich nicht falsch verstehen, diese Untersuchung richtet sich nicht gegen Austin Smith oder Dr. Knoll (GF Bozen, Anm.) – ich will der Sache auf den Grund gehen.“ Ein Vorhaben, das viele Fragen und Details zu Tage fördert.

Die Menschen dürfen sich in dem Fall ihre Meinung nicht aufgrund von Meinungen anderer oder wegen eines Instagram-Posts bilden.

Seitz: „Ich sage nicht, dass Austin Smith keine Gehirnerschütterung hat, allerdings wurde bei ihm bis heute nirgendwo in Europa eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Der 20. Oktober ist das erste Datum, an dem er eine Verletzung erlitt, die eine Gehirnerschütterung hätte sein können. Die Spieler haben die Möglichkeit, zu einem Arzt zu gehen. Wenn die Spieler dann nicht hingehen, kann ein Doktor auf keine mögliche Gehirnerschütterung hinweisen. Austin Smith hat sich zum damaligen Zeitpunkt in Wien dazu entschlossen, nicht zum Arzt zu gehen – am 21. Oktober haben sie in Znojmo gespielt, er ging erneut nicht zum Arzt. Wie sollen wir als Liga also wissen, dass er eine Gehirnerschütterung hatte? Er spielte, machte Punkte – es gab keine Ungewöhnlichkeit. Im Spiel am 27. Oktober merkte er, dass er möglicherweise eine Gehirnerschütterung hat. Diese wurde dann später von Ärzten in Nordamerika diagnostiziert. Doch wann hat er sie sich zugezogen? In den erwähnten Spielen? Später? Wir können es nicht sagen. Also sind alle Meinungen zu dem Thema, die im Moment da draußen sind, reine Spekulationen“, fast der DOPS-Boss die Situation der aktuellen Ermittlungen zusammen. Zumindest jenen Teil, der für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Statement von Austin Smith: „Diese Gehirnerschütterung hat meine Karriere beendet“

Der Fall Austin Smith: „Diese Gehirnerschütterung hat meine Karriere beendet“

Wenn es eine Gehirnerschütterung war, warum wurde sie in Bozen nicht festgestellt?

Diese Frage tut sich nach den Schilderungen von Seitz unweigerlich auf. „Das ist zu 100 Prozent Teil der Untersuchung. Ein solcher Fall ist wie ein Baum mit vielen Zweigen und wir sehen uns jeden Zweig einzeln an. Es wird eine Antwort geben – für alle Beteiligten. Fall es hier wirklich ein großes Thema gibt, wollen wir etwas dagegen tun.“

Warum hat die Liga kein Concussion Protocol?

„Etwas dagegen tun“ – ein Stichwort. Es führt zum nächsten Diskussionspunkt im Fall Austin Smith. Blick man in die NFL, die NHL oder sogar in die Wrestling-Organisation WWE findet man dort umfassende Tests und verpflichtende Vorgehensweisen, die eine Gehirnerschütterung im schlimmsten Fall bestätigen und im besten Fall ausschließen können. Tritt dieses Protokoll in Kraft, kehrt ein Spieler nicht mehr so schnell auf das Feld oder das Eis zurück.

Warum gibt es in der Erste Bank Eishockey Liga kein solches Standardverfahren? Seitz: „Wir schauen uns das Concussion Protocol seit mittlerweile zwei Jahre an, wir haben schon verschiedene Vorgehensweisen ausprobiert. Wir haben es noch nicht eingebaut, weil es offene Fragen gibt: Wie legen wir fest, ob es sich um eine Gehirnerschütterung handelt oder nicht? Wer legt fest, ob es eine Gehirnerschütterung ist oder nicht? Und wer macht die Diagnose? Was die Menschen realisieren müssen: Gehirnerschütterungen resultieren nicht nur aus direkten Einschlägen auf den Kopf. Sie können auch durch Stürze auf das Eis entstehen, es gibt viele Faktoren. Das Concussion Protocol wird jedenfalls beinhalten, dass der Spieler das Spiel verlassen muss. Allerdings muss das ordentlich geplant sein, da beispielsweise ein neutraler Arzt und kein Teamarzt eine solche Entscheidung treffen soll. Wenn wir also ein Concussion Protocol in die EBEL bringen wollen, dann soll es von Beginn an der richtige Zugang sein.“

Seitz hat über 700 NHL-Spiele als Referee absolviert und weiß: „Jeder, der denkt, dass es in der NFL, NHL oder sonst wo komplett klar ist, was damit gemeint ist, der irrt. Es handelt sich dabei einen fortlaufenden Prozess. Es ist egal welcher Sport, egal in welcher Liga – oftmals werden die Symptome dieser Verletzung erst Jahre später entdeckt, dort steht der gesamte Sport jetzt – der ganze Profibereich braucht also mehr Aufmerksamkeit, um auf die Gefährlichkeit von Gehirnerschütterungen hinzuweisen, aber wir müssen dafür bei der Ausbildung, bei der Kommunikation und bei der Forschung ansetzen. Das ist ein globales Thema für den Sport.“

Thema Gehirnerschütterung: Wo steht die Liga jetzt?

Bleibt die Frage, wo die Liga bei diesem Thema im Hier und Jetzt steht: „Ich schaue mir jeden Injury-Report aus der Liga persönlich an, wir sprechen mit den Spielern über ihre Strafen, kommunizieren mit den Trainern. Wir gehören zu den sichersten Ligen – Suspendierungen gingen runter, die leicht zu erleidenden Brüche gingen runter, die Verletzungen gingen generell zurück.“ Ein Beispiel: „Wir sind die einzige Liga der Welt, die Spieler verpflichtet einen Mundschutz zu tragen. Ein Mundschutz kann zwar eine Gehirnerschütterung nicht komplett ausschließen, aber dagegen wirken.“ Alles Fakten, die darauf hindeuten, dass wir in Sachen Sicherheit immer besser werden. Wir werden smarter, greifen auf eine bessere Infrastruktur, die dabei ein große Rolle spielt, zurück, dafür nimmt auch der Hauptsponsor viel Geld in die Hand“, sagt Seitz und fügt an:

„Alle diese Fragen tun sich aktuell aufgrund eines Falles auf. Wenn es so ein großes Thema ist: Warum wurde es dann an uns als Liga noch nie herangetragen? Wo sind all die betroffenen Spieler und warum hat man uns nicht darauf aufmerksam gemacht? Wir haben überall Ärzte. Und egal wer am Ende dieser Untersuchung recht hat: Ein Fall darf nicht für eine gesamte Liga stehen, die jeden Tag versucht, etwas besser zu machen.“