Same procedure as every year? Von wegen! Die Kärntner Traditionsvereine VSV und KAC haben sich und ihr Umfeld stark verändert. Auch wenn unterschiedliche Ausgangspositionen vorliegen so lautet das Motto in Villach und Klagenfurt anders als in vergangenen Jahren schlicht „I’ll do my very best“, wie Martin Pfanner bei einem Dinner for One mit den Clubs erfahren durfte. Teil 2: Der KAC

Text: Martin Pfanner // Auf Twitter: @mpfanner  // Auf Instagram: @martinpfanner

An dieser Stelle findet ihr in unregelmäßigen Abständen Einschätzungen der Servus-Hockey-Night-MitarbeiterInnen zur Spielzeit 18/19. Ob VOR, WÄHREND, oder NACH der Saison, es gilt: immer subjektiv und auf eigenen Beobachtungen beruhend. Darüber hinaus: Immer fair, aber manchmal kontrovers.

In den 2010er-Jahren hat sich das Machtgefüge im österreichischen Eishockey verändert. Wo Villach und Klagenfurt im ersten Jahrzehnt des aktuellen Jahrtausends oftmals bereits im Spätherbst die Halbfinaltickets in Druckauftrag hätten geben können, so ist dies mit konstant starken Linzern, gewohnt (finanz)kräftigen Salzburgern, immer kompetitiveren Wienern und ausgefuchsten Boznern schwieriger geworden

Die Plätze am Tisch der ganz Großen sind rar, alles andere als leicht zu bekommen und sodann erst recht schwer zu behalten. Im Eishockey-Bundesland #1 haben sich die beiden Traditionsclubs VSV und KAC in den vergangenen Monaten neu aufgestellt, um eines zu verhindern: „Same procedure as last year“.

>>> Teil 1: Dinner for One mit dem VSV: Das ist neu in Villach <<< 

Petri Matikainen: „We will push, push,push!“

So tönt es aus einem emotionalen Petri Matikainen. Emotionalität, die man von einem finnischen Landsmann so vielleicht nicht initial erwarten würde (mehr dazu in Kürze). Neben dem neuen KAC-Trainer nickt der ebenfalls neu installierte Sportmanager Johannes Reichel zustimmend. In Klagenfurt wurde in der Off-Season umgebaut. Wieder mal. Und das massiv.

Die Ära Dieter Kalt Jr. ist wenig glamourös zu Ende gegangen. Neben dem „Head of Hockey Operations“ war für Steve Walker – trotz Vertragsverlängerung im Jänner 2018 und damit nach nur einem Jahr beim Rekordmeister – und Torhüter-Trainer Reinhard Divis kein Platz in unmittelbaren und mittelbaren Zukunftsplänen gewesen. Oliver Pilloni als Geschäftsführer wurde mit Johannes Reichel ein Rookie-Sportmanager zur Seite gestellt, der nicht nur über 15 Jahre das Jersey der Klagenfurter trug, sondern auch den Club sowie viele der Klagenfurt-spezifischen Eigenheiten so gut kennt, wie wohl nur wenig andere.

Head Coach Petri Matikainen (links) und Sportmanager Johannes Reichel

Offiziell ging dem Wechsel auf der sportlichen Führungsebene ein langer Analyseprozess voraus, inoffizielleres lässt sich nicht nur in ausgewählten Kärntner Medien lesen. Man kann davon halten was man will. Allerdings ist die Sachlage – wie bei jeder anderen sportlichen Führung auch – simpel. Sie hat sich eine Chance verdient. Wie lange diese Chance währt, ist selbstverständlich eine andere Frage. Seit dem Wirken von Manny Viveiros als Head Coach (2007/08  bis zu seiner Ablöse im Februar des Jahres 2012 durch Christian Weber) war es keinem KAC-Trainer mehr vergönnt zwei volle Spielzeiten hinter der Bande zu wirken.

Von Belichick zum neuen KAC-Bandengeneral

Kontinuität ist dabei auch ein Schlüsselwort, das Matikainen nicht nur ins Schwärmen bringt, sondern für ihn auch Schlüssel zum Erfolg darstellt. In der täglichen Arbeit, im Umgang und in der Entwicklung der Mannschaft. Der Finne lässt sich dabei auch von anderen Sportarten inspirieren und folgerichtig landet man beim American Football. Dort werkt beim NFL-Team aus New England mit Bill Belichick seit nunmehr 19 Jahren ein und derselbe Trainer, fast durchgehend mit ein und demselben Quarterback (Tom Brady) und das ununterbrochen mit demselben Teambesitzer. Was Matikainen noch viel mehr imponiert: Belichick ist bekannt dafür mit seinen besten Spielern am härtesten ins Gericht zu gehen. Eine Linie, die der 51-Jährige, im Laufe seiner Trainer-Karriere ebenso immer gepflegt hat.

New England Patroits QB Tom Brady und Langzeit-Coach Bill Belichick

Matikainen spricht zumeist ruhig und wohlüberlegt. Letzteres eine im Sport nicht immer überall vorhandene Tugend. Dass er aber auch anders kann, durfte Johannes Reichel beim Job-Interview höchstpersönlich erfahren. Nach den üblichen Standardfragen, die über Skype ausgetauscht wurden, erhob sich Matikainen – so Reichels Schilderung – aus seiner Sitzposition und hielt eine passionierte, 10-minütige Brandrede. Vision, System, Spieler, alles schlüssig erläutert und  ausgeführt. Nicht allzu viel Zeit verging bis man sich über einen Zweijahresvertrag einig war.

Die Perspektive reizt Matikainen, der mehrere durchaus konkrete Angebote ausließ, um fast zwei Jahrzehnte nach seinem Wirken als Spieler (zwei Vizemeistertitel) den Makel des fehlenden Titels in Kärnten zu beheben. Der Größe der Aufgabe und des damit einhergehenden Drucks ist er sich bewusst. „Fast nirgendwo sonst in Europa hängen 30 Banner unter dem Hallendach.“ Auch wenn Matikainen weiß, dass die Playoffs das Minimalziel sind, so lässt er sich ebenso wie sein Kollege 40 km weiter westlich zu keinerlei Prognose hinreißen. Die Verinnerlichung des Systems und die tägliche Arbeit daran stehen für ihn im Vordergrund.

Klagenfurter Road Warrior

Große Chancen seinen Kontrakt auch bis 2020 zu erfüllen hat der gelernte Polizist dann, wenn das letzte Heimspiel der kommenden nicht so wie in der vergangenen Spielzeit bereits Mitte März absolviert wird. Am 18. März 2018  musste man sich in Viertelfinale 5 vor eigenem Publikum dem späteren Meister Bozen mit 2:3 nach Overtime geschlagen geben, woraufhin der italienische den österreichischen Rekordmeister zwei Tage später in den Urlaub schicken sollte.

Heimspiele wird es für den KAC auch bis auf Weiteres nicht geben, denn in der altehrwürdige Klagenfurter Messehalle werden der Kabinentrakt und die VIP-Räumlichkeiten neu gebaut. Darum haust die Kampfmannschaft aktuell im Keller der Sepp-Puschnig-Halle. Und deswegen finden die ersten neun (!) Liga-Spiele allesamt auswärts statt.

Die Rückansicht der Klagenfurter Messehalle. Kabinen und VIP-Bereich werden neu gebaut.

KAC: Die hieb- und stichfeste Prognose:

Ein Neuanfang in Klagenfurt und damit „same procedure as (almost) every year“? Ja und ein vorsichtiges nein. Mit dem Österreicher-Stamm, Matikainen und einer am Papier soliden Off-Season sollten die Playoffs bereits nach dem Grunddurchgang Phase 1 erreicht werden. Der Knackpunkt wird danach folgen. Entwickelt sich die Mannschaft über die Zwischenrunde bis zum Start der Playoffs so, wie Matikainen das anklingen lässt, dann ist ein Lauf in Richtung Finale und Titel nicht auszuschließen. Die letzten Mannschaft die mit einem Lauf in die Playoffs gestartet ist, wurde dem KAC nicht nur im Viertelfinale zum Verhängnis, sondern einen Monat später auch Champion der Erste Bank Eishockey Liga.