Ben Meisner ist kein Eishockeystar. Er ist ein Eishockey-Profi, der ums Überlebend kämpft und dabei in eine Abwärtsspirale bis hin zum Selbstmord gekommen ist. Das ist seine Geschichte.

Text: DK

Es ist der 14. August 2018 – auf der Plattform „The Players Tribune“ geht eine besondere Geschichte online. Auf der Seite kommen Spieler und Athleten selbst zu Wort. Sie berichten vom Innenleben, von Dingen, die sie bewegen – hier wird man vom scheinbar unantastbaren Profi zum Mensch, hier macht man sich angreifbar. So wie Ben Meisner mit seiner Geschichte: „I’m not Connor McDavid“.

„Ich bin nicht Connor, Ovi oder Sid“

Was heißt das? Ben Meisner ist Profi-Eishockey-Goalie, doch anders wie McDavid, den Superstar der Edmonton Oilers, machte ihn der Sport nicht reich und berühmt. Es ist keine Aufsteiger-Story, es ist eine Geschichte, so hart wie der Sport selbst: Meisner wollte sich das Leben nehmen. „Ich machte den Knoten, machte das Seil fest, ich legte die Schlinge um meinen Hals Ich stand dort, ich war bereit zu gehen“, schreibt Meisner. „Ihr hättet nicht davon gehört. Es wären keine großen Nachrichten gewesen. Nichts wäre davon im ESPN-Newsticker zu lesen gewesen. Ich bin nicht Connor, Ovi, oder Sid. Ich bin nicht mal in der NHL.“ Und genau das, so Meisner, ist der Grund, warum er sich dazu entschlossen hat, seine bewegende Geschichte festzuhalten.

„Ich wollte das schreiben, weil ich mehr wie ihr bin und nicht wie die Top-Spieler in meinem Sport. Ich bin kein Superstar oder Megatalent. Ich bin nur ein hart arbeitender Goalie, der sich den Arsch aufriss, um ein Profi zu werden, um dann in den unteren Ligen herumzuhüpfen.“ Der Goalie spielte für die Forte Wayne Komets, die Norfolk Admirals, Wichita Thunder, Evansville Icemen oder die Utha Grizzlies. Das Who is Who liest sich anders. Das weiß Meisner, der mit depressiven Phasen kämpft, die der ständige Existenzkampf in Truppen zwischen Wichita und Norfolk noch befeuerte.

„Es gibt 98 Profiteams, 196 Torhüter-Positionen und 320 Goalies als Free Agents“

Es sind alltägliche Sorgen, die einen Goalie in diesen Klassen beschäftigen. Nicht die Frage, ob er spielt oder nicht, sondern die Frage nach dem gesicherten Arbeitsplatz und wie viel Geld tatsächlich am Ende der Woche übrig bliebt. Es seien, so Meisner, 500 Dollar die Woche. Nach Abzug von Agenten-Gebühren und dem Beitrag für die Spielergewerkschaft bleiben 395 Dollar übrig. Und das in einem Beruf, in dem eine Verletzung schon Existenz-Ängste auslösen kann. „Es gibt 98 Profiteams, das sind Stellen für 196 Torhüter. Es gibt aber 320 Goalies, die als „Free Agents“ auf dem Markt sind. Doch darüber beschwert sich Meisner nicht. Er weiß, dass er diesen Weg bewusst gewählt hat. Auch wenn zu Beginn wie bei allen anderen der Traum drei Buchstaben hatte: NHL.

Ich hatte nichts gegen andere Goalies, aber in meinen Augen wurden sie zu Feinden

Die Existenzangst ging so weit, dass Meisner selbst ständig den Spielermarkt checkte, um zu sehen wer wo unter Vertrag steht und wer nicht und wer somit zur Gefahr werden könnte. „Ich hatte nichts gegen die anderen Goalies, aber in meinen Augen wurden sie zu Feinden“, beschreibt er seine Gedankenwelt, die ihn nach eigenen Angaben paranoid machte. „Ich wusste zu jeder Tageszeit, wie viele Free-Agent Goalies auf dem Markt sind“. Zu diesem Zeitpunkt waren häufige Trades, weil sich beispielsweise andere Goalies verletzten oder wieder gesundeten zum Daily Business. „Ich weinte jeden Tag. Ich hatte Panikattacken.“ Die Abwärtsspirale setzte sich fort – bis zu dem Moment mit der Schlinge um den Hals. Bis Meisner sich selbst die Frage: „Was kommt danach?“ nicht beantworten konnte und es nicht tat. „So verrückt es klingt: Diese Frage war es, die mich davor bewahrte es nicht zu tun.“

2015 wechselte Meisner nach Deutschland, in die zweite Liga. Ein Trainer förderte ihn, er spielte bei Bremerhaven, er spielte in Augsburg – hielt dort in den Playoffs 2017 in einer Best-of-Seven-Serie 93 Prozent der Schüsse. Nun ist er einer der Neuzugänge bei DEL2-Club „Tölzer Löwen“. In Deutschland hat sich Meisner professionelle Hilfe geholt. Der Schritt, sich trotz der Ängste, die sein Leben bestimmen, zu öffnen retteten ihm das Leben. „Ich fand helfe, meine Diagnose wurde offiziell, es war eine massive Erleichterung.“

Meisner macht keine Märchenstunde aus seiner Erzählung. „Mein Leben ist jetzt nicht auf Rosen gebettet. Ich habe weiterhin schlechte Tage. Aber ich arbeite daran.“ Und: Meisner spielt noch immer auf einem professionellen Level Eishockey. Seine Erkrankung hat ihm nicht den Job gekostet. „Ich genieße es, in Deutschland zu spielen. Und ich bin glücklich.“ Meisner veröffentlichte seine Geschichte, weil er glaubt, dass es vielen Profissportlern ähnlich geht, die Angst sich jemanden anzuvertrauen allerdings zu groß ist. Deshalb veröffentlichte Ben am Ende seiner Geschichte auch seine Mail-Adresse. „I am here for you.“

Ben Meisners ganze Geschichte lest ihr hier. 

Informationen mit Hilfsangeboten für Personen mit Selbstmordgedanken und deren Angehörige sowie Hilfseinrichtungen in Österreich: www.suizid-praevention.gv.at

Telefonische Hilfe im Krisenfall gibt es auch bei der Telefonseelsorge unter der Nummer 142, kostenlos erreichbar von 0 bis 24 Uhr